26.10.2026 | Johanniter-Schwesternschaft e.V.

Nach-gedacht: Loslassen - und dennoch Halt geben

Über Gelassenheit, Vertrauen und Hoffnung im pflegerischen Alltag

Der Herbst erinnert daran, dass Loslassen zum Leben gehört. Die Blätter fallen, doch der Baum verliert nicht seine Wurzeln. Auch wir müssen Abschied nehmen von Vertrautem, eigene Grenzen anerkennen und uns auf Veränderungen einstellen. Besonders bei Krankheit wird spürbar, wie wenig wir das Leben planen und kontrollieren können. Da heißt es, sich auch von dieser Illusion zu verabschieden.

Der Philosoph Martin Heidegger beschreibt Gelassenheit als eine Haltung, die nicht mit kraftlosem Geschehenlassen verwechselt werden darf. So merkt er an: „Gleichwohl glaube ich zu wissen, dass es sich keineswegs um ein kraftloses Gleiten- und Treibenlassen der Dinge handelt.“ Gelassenheit bedeutet, die Grenze des eigenen Verfügens anzuerkennen, ohne gleichgültig zu werden. Wir müssen nicht alles beherrschen, um verantwortlich handeln zu können. Gerade im pflegerischen Alltag ist diese Einsicht von herausragender Bedeutung, Wir setzen uns für Heilung und Linderung ein, wissen aber zugleich, dass nicht alles wiederhergestellt werden kann.

Hier berühren sich Heideggers Gedanke und der christliche Glaube -ohne dass sie dasselbe meinen. Heideggers Gelassenheit öffnet den Blick für einen anderen Umgang mit dem Unverfügbaren. Der Glaube geht aber einen Schritt weiter: Er vertraut darauf, dass unser Leben auch dort von Gottes Liebe getragen bleibt, wo wir keine Lösung mehr in der Hand haben. Paulus bringt diese Hoffnung mit folgenden Worte zum Ausdruck:

"Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.“  (2. Korinther 4,8)

Das ist keine Verheißung, dass alles gut ausgehen wird. Vielmehr ist es die Hoffnung, dass Leid und Grenzen nicht das letzte Wort über einen Menschen behalten.

Loslassen heißt nicht fallen lassen

Eine kleine alltägliche Szene: Eine Patientin soll nach einer Operation erstmals wieder aufstehen. Sie zögert: „Ich kann das nicht mehr.“ Ein Leben lang war sie selbstständig; nun muss sie Hilfe annehmen. Die Johanniterschwester reicht ihr die Hand und sagt: „Heute müssen Sie das nicht allein schaffen. Wir versuchen es gemeinsam.“ Es sind zwei kleine Wörter, die entscheidend sind: Wir und gemeinsam. In diesen kleinen Worten kommt Zuwendung zu Ausdruck.

In dieser kleinen Szene, wie sie sich in unseren Einrichtungen ereignet, wird der Auftrag der Johanniter konkret. Die Schwester fördert die Selbstständigkeit der Patientin, ohne sie zu überfordern. Sie nimmt ihr die Unsicherheit nicht ab, aber sie hilft ihr, den nächsten Schritt zu wagen. Pflege ist hier mehr als eine fachgerechte Leistung: Sie achtet die Würde des Menschen und begegnet ihm auch in seiner Abhängigkeit auf Augenhöhe. 

Das achtspitzige Kreuz erinnert an die christliche Grundlage dieses Dienstes: dem kranken Menschen in seiner Verletzlichkeit beizustehen. Dieser Auftrag verpflichtet nicht dazu, Unmögliches zu versprechen. Er fordert vielmehr, das medizinisch und pflegerisch Mögliche zu tun und dort nicht auszuweichen, wo Zuwendung, Zuhören und geduldige Begleitung gebraucht wird, 

Dazu gehört auch, die eigenen Grenzen als Pflegende ernst zu nehmen. Nicht jedes Leid lässt sich wenden, nicht jede Sorge auflösen. Die eigenen Kräfte verantwortlich einzusetzen, ist kein Mangel an Hingabe, sondern Teil einer Fürsorge, die Kranken und Mitarbeitenden gerecht werden will.

Vielleicht liegt darin die Verbindung von Gelassenheit und Glaube: Wir lassen los, was wir nicht erzwingen können, und bleiben verantwortlich für das, was uns anvertraut ist. Wir vertrauen darauf, dass unser Handeln Bedeutung hat, auch wenn sein Erfolg nicht in unserer Hand liegt. 

Wie der Baum im Herbst seine Blätter verliert, ohne seine Wurzeln aufzugeben, müssen wir Veränderung nicht mit Hoffnungslosigkeit verwechseln. Der Auftrag der Johanniter heißt deswegen: Nicht jedes Leid beseitigen zu können - und dennoch niemanden mit seinem Leid allein zu lassen.

Wir können aber dafür sorgen, dass niemand alles allein tragen muss. Wo wir nicht alles ändern können, können wir doch mit Vertrauen, Hoffnung und Liebe dazu beitragen, dass neues Leben möglich wird: Aus Liebe zum Leben!

Bernd Kollmetz, Pastor i.R. und Seelsorger i.D.